Scan barcode
A review by nettebuecherkiste
The Shepherd's Life: A Tale of the Lake District by James Rebanks
4.0
Der Lake District ist wohl eine der schönsten Gegenden Englands. Das Erscheinungsbild ist wildromantisch, und doch handelt es sich um eine jahrtausendealte Kulturlandschaft, die durch die Schafhaltung geprägt wurde. James Rebanks stammt aus einer alten Schäferfamilie und arbeitete bereits als Kind ganz selbstverständlich auf der Farm mit. Dass er auch Schäfer werden würde, stand nie in Frage und so verließ er die Schule, sobald es möglich war, ließ sich schon vorher kaum noch dort blicken und machte keinen Abschluss. Dann kam jedoch eine Phase, in der er sich viel mit seinem Vater stritt, die Zukunft der Farm unklar war und Rebanks begann, Bücher für sich zu entdecken. Sein weiterer Werdegang mit Abendschule und Studium an der Universität von Oxford ist ganz bemerkenswert. Die akademische Bildung hinderte ihn jedoch nicht daran, auf die Farm zurückzukehren und in die Fußstapfen seines Großvaters und Vaters zu treten.
Dieser Werdegang ist ein Bestandteil des Buches, jedoch nicht der Hauptanteil, der in episodischen Beschreibungen des Lebens und der Arbeit der Schäfer in der uralten Kulturlandschaft des Lake District besteht, gepaart mit Gedanken über Geschichte, Tradition und Sinn der alten Lebensweise.
„If you removed the tractors and machinery from the farm, much of what we did, was ancient.“ (Seite 76)
Dies stellt er der modernen Lebensweise gegenüber, die sich gar nicht mehr von der eines Schäfers unterscheiden könnte:
„It also made me think that modern life is rubbish for so many people. How few choices it gives them. Ho it lays out in front of them a future that bored most of them so much they couldn’t wait to get smashed out of their heads each weekend. How little most people are believed in, and how much it asks of so many people for so little in return.“ (Seit 97)
Das obige Zitat mag zunächst etwas widersprüchlich erscheinen. Hat der Mensch heute nicht mehr Auswahl als je zuvor? Doch wenn man einmal überlegt: Hat der Mensch denn in der modernen Gesellschaft wirklich die Wahl? Wird es noch akzeptiert, wenn jemand NICHT Karriere machen will (eine Frage, die für mich persönlich enorm wichtig war)? Kann man sich dem Raubtierkapitalismus wirklich noch entziehen? Sicher, da gibt es Aussteiger, aber nur die wenigsten werden denn Mut dafür aufbringen, was wiederum nachvollziehbar ist.
Solche Denkanstöße finden sich zuhauf in dem Buch. Wer jetzt aber denkt, dass Rebanks das Schäferleben romantisiert: keineswegs. Er verschweigt nicht die harte Arbeit, die Frustration, die Sorge um die Tiere, den Verlust von Tieren an die Wetterverhältnisse und die elende Abhängigkeit von diesen. Die schlechte Entlohnung, etwa für Wolle, die so wenig wert ist, dass sie manchmal verbrannt wird. Die Illusion, dass Schafe für ihre Wolle gehalten werden, hat mir Rebanks geraubt. Die Schäferindustrie ist eine Fleischindustrie. Das ist für mich als Vegetarierin, die versucht, überwiegend vegan zu leben, nicht leicht zu schlucken. Müsste ich diese Kultur, diese Tradition und diese Industrie nicht komplett ablehnen, Rebanks verurteilen? Es ist ein Dilemma, für das ich noch keine Antwort gefunden habe. Natürlich will ich nicht, dass Tiere für den menschlichen Verzehr sterben müssen. Andererseits handelt es sich wie bereits mehrfach erwähnt um eine uralte Kulturform, die auch die wunderschöne Landschaft geschaffen hat. Es ist keine Massentierhaltung, die Tiere leben in ihrer natürlichen Umgebung. Viele alte Nutztierrassen sind vom Aussterben bedroht. Könnte man die Schafhaltung so subventionieren, dass sie primär zur Landschaftspflege dient? Stellenweise gibt es solche Modelle schon, aber ist das im großen Umfang denkbar, realistisch und nicht zuletzt – bezahlbar? Und wollen wir Rebanks und seiner Familie, seinen Kollegen, ihrer Lebensweise berauben?
Trotz aller dieser Fragen: Ich habe die Lektüre dieses Buches sehr genossen und empfinde großen Respekt für James Rebanks. Das Leben eines Schäfers – das mag erst einmal etwas langweilig klingen, aber das Buch ist an keiner Stelle langweilig und die Schilderungen einer eiskalten, stürmischen Nacht, in der ausgerechnet zig Lämmer geboren werden und in der Rebanks um das Leben der ganzen Lämmer kämpfen muss – das ist spannender als jeder Krimi.
Ein unbedingt lohnendes Buch, das in mir mehr Fragen aufgeworfen hat, als die meisten anderen.
Dieser Werdegang ist ein Bestandteil des Buches, jedoch nicht der Hauptanteil, der in episodischen Beschreibungen des Lebens und der Arbeit der Schäfer in der uralten Kulturlandschaft des Lake District besteht, gepaart mit Gedanken über Geschichte, Tradition und Sinn der alten Lebensweise.
„If you removed the tractors and machinery from the farm, much of what we did, was ancient.“ (Seite 76)
Dies stellt er der modernen Lebensweise gegenüber, die sich gar nicht mehr von der eines Schäfers unterscheiden könnte:
„It also made me think that modern life is rubbish for so many people. How few choices it gives them. Ho it lays out in front of them a future that bored most of them so much they couldn’t wait to get smashed out of their heads each weekend. How little most people are believed in, and how much it asks of so many people for so little in return.“ (Seit 97)
Das obige Zitat mag zunächst etwas widersprüchlich erscheinen. Hat der Mensch heute nicht mehr Auswahl als je zuvor? Doch wenn man einmal überlegt: Hat der Mensch denn in der modernen Gesellschaft wirklich die Wahl? Wird es noch akzeptiert, wenn jemand NICHT Karriere machen will (eine Frage, die für mich persönlich enorm wichtig war)? Kann man sich dem Raubtierkapitalismus wirklich noch entziehen? Sicher, da gibt es Aussteiger, aber nur die wenigsten werden denn Mut dafür aufbringen, was wiederum nachvollziehbar ist.
Solche Denkanstöße finden sich zuhauf in dem Buch. Wer jetzt aber denkt, dass Rebanks das Schäferleben romantisiert: keineswegs. Er verschweigt nicht die harte Arbeit, die Frustration, die Sorge um die Tiere, den Verlust von Tieren an die Wetterverhältnisse und die elende Abhängigkeit von diesen. Die schlechte Entlohnung, etwa für Wolle, die so wenig wert ist, dass sie manchmal verbrannt wird. Die Illusion, dass Schafe für ihre Wolle gehalten werden, hat mir Rebanks geraubt. Die Schäferindustrie ist eine Fleischindustrie. Das ist für mich als Vegetarierin, die versucht, überwiegend vegan zu leben, nicht leicht zu schlucken. Müsste ich diese Kultur, diese Tradition und diese Industrie nicht komplett ablehnen, Rebanks verurteilen? Es ist ein Dilemma, für das ich noch keine Antwort gefunden habe. Natürlich will ich nicht, dass Tiere für den menschlichen Verzehr sterben müssen. Andererseits handelt es sich wie bereits mehrfach erwähnt um eine uralte Kulturform, die auch die wunderschöne Landschaft geschaffen hat. Es ist keine Massentierhaltung, die Tiere leben in ihrer natürlichen Umgebung. Viele alte Nutztierrassen sind vom Aussterben bedroht. Könnte man die Schafhaltung so subventionieren, dass sie primär zur Landschaftspflege dient? Stellenweise gibt es solche Modelle schon, aber ist das im großen Umfang denkbar, realistisch und nicht zuletzt – bezahlbar? Und wollen wir Rebanks und seiner Familie, seinen Kollegen, ihrer Lebensweise berauben?
Trotz aller dieser Fragen: Ich habe die Lektüre dieses Buches sehr genossen und empfinde großen Respekt für James Rebanks. Das Leben eines Schäfers – das mag erst einmal etwas langweilig klingen, aber das Buch ist an keiner Stelle langweilig und die Schilderungen einer eiskalten, stürmischen Nacht, in der ausgerechnet zig Lämmer geboren werden und in der Rebanks um das Leben der ganzen Lämmer kämpfen muss – das ist spannender als jeder Krimi.
Ein unbedingt lohnendes Buch, das in mir mehr Fragen aufgeworfen hat, als die meisten anderen.